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Gegenwartsliteraturforschung hat sich akademisch etabliert: An germanistischen wie anglistischen Qualifikationsschriften lässt sich ablesen, dass philologische Reputation längst nicht mehr nur durch die Beschäftigung mit kanonischen Autorinnen und Autoren und aus der historisierenden Distanz erworben werden kann. Als im mehrfachen Sinne ‚naheliegender’ Gegenstand ist Gegenwartsliteratur allerdings in ihrer emergierenden Form schwer zu fixieren und wirft daher Quellen- und Erkenntnisprobleme auf, die bisher nur punktuell diskutiert worden sind. So hat sich in den letzten Jahren zwar eine praxeologische Betriebsbeobachtung entwickelt, die literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung um soziologische und ethnologische Perspektiven ergänzt. Diese Literaturbetriebsforschung ist aber bisher nur in Einzelfällen mit philologischen Grundfragen vermittelt worden. Hartnäckig hält sich daher in vielen Studien zu Gegenwartsliteratur eine Diskrepanz zwischen theoretischen Programmen und praktischen Verfahren: Wo bewährte Orthodoxien z.B. hinsichtlich Autorschaft und Werkpolitik reproduziert werden, widersprechen diese häufig dem Umgang mit Epitexten, wie beispielsweise Interviews, der sich als Routine literaturwissenschaftlichen Arbeitens herausgebildet hat.
Solche Widersprüche lassen sich auch als ein Spannungsverhältnis von explizitem und implizitem Wissen beschreiben. Dieses verschärft sich im Fall von Gegenwartsliteraturforschung durch eine zunehmend unüberschaubare institutionelle Gemengelage, die Rollenkonflikte und Distanzprobleme produziert: Wenn Autoren im Hörsaal über Poetik dozieren und an Fachtagungen teilnehmen, wenn Philologen diese Autoren moderieren und ihre neuen Titel rezensieren, stellen sich Fragen nach Kriterien und Standards, nach den Prämissen und Werkzeugen philologischer Wissensproduktion. Zur Diskussion stehen mit der Offenheit und Prozessualität des Gegenstands Gegenwartsliteratur also auch die Praktiken, Routinen und Verfahren, der Literatur sowie des philologischen Schreibens über Literatur. Dabei geht es um nicht weniger als die Reflexion konfligierender Zuständigkeiten und Expertisen, Konkurrenzen und Interferenzen zwischen Kreativität, Kritik und Wissenschaft.
Mit der „Schreibszene Frankfurt“ etablieren wir an der Goethe-Universität eine Forschungsinfrastruktur und ein Qualifikationsprogramm für insgesamt acht Nachwuchswissenschaftler (1 Postdoc-Stelle und 7 Promotionsstellen), um neue Wege der Gegenwartsliteraturforschung einzuschlagen und alternative Karriereoptionen zu erschließen: Junge Literatur- und Kulturwissenschaftler erhalten hier die Möglichkeit, in vergleichender Perspektive und in konkreten Praxiszusammenhängen bewährte philologische Verfahren zu rekontextualisieren und neue Formen zu erproben. Im Zentrum des Projekts steht die Verknüpfung von Qualifikation, Selbstbeobachtung und Experiment. In kollegialer Zusammenarbeit mit Frankfurter Forschern sollen Stipendiaten eine Förderung erfahren, die aus den jüngsten Erfahrungen und Effekten strukturierter Programme lernt: Netzwerkbildung, Praxiskontaktpflege und Professionalisierung beschränken sich daher im Kolleg weder auf ein ‚Fortbildungs-Modul’ noch sollen sie einen einheitlichen Habitus produzieren. Die Praxis von Gegenwartsliteratur bildet für die „Schreibszene Frankfurt“ vielmehr einen Gegenstand, an dem sich individuelles und kollaboratives Forschen über die disziplinären und institutionellen Bedingungen und Zukunftschancen philologischer Arbeit zu schärfen haben. Es ist das Ziel des Programms, schon in dieser frühen Qualifikationsphase die gebotene Professionalisierung für universitäre und außeruniversitäre Karrierewege durchgehend mit einer selbstbewussten und eigenständigen Reflexion der eigenen Forschungstätigkeit zu verknüpfen.
Das Kolleg stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kreativität, Kritik und Wissenschaft somit auch als eine Frage nach dem Ort und seiner relationalen Einbettungsmöglichkeiten: Erstens nach dem disziplinären Ort der Philologien und ihrer universitären sowie außeruniversitären Umgebung, zweitens nach dem institutionellen Ort der Goethe-Universität und ihrer spezifischen Traditionen, Infrastrukturen, Ressourcen und Perspektiven sowie drittens nach dem Ort der Stadt Frankfurt, in die die Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität auf vielfältige Weise eingelagert sind – dies allerdings nicht mehr auf eine Weise, die es ermöglichen würde, Philologie und auch ihre Kritik aus einem gesicherten Hort heraus auf gewohnte Weise betreiben zu können. Wie sich philologisches Arbeiten für unseren wissenschaftlichen Nachwuchs so bewähren kann, dass die theoretische Reflexion auch Karrierewege jenseits der Universität eröffnet, wird auch ein Ziel des Forschungskollegs sein.

Die erweiterte „Schreibszene“
Indem wir Frankfurt als heuristisches und empirisches Szenario des geplanten Forschungskollegs nutzen, erweitern wir die literaturwissenschaftliche Arbeit um soziologische und ethnographische Perspektiven. Um diese an genuin philologische Fragestellungen zurückzubinden, modifizieren wir den von Rüdiger Campe (1991) eingeführten und in der literaturwissenschaftlichen Schreibforschung (u.a. Stingelin, Giuriato, Zanetti) etablierten Begriff der „Schreibszene“. Der epistemologisch relativ offene Begriff ermöglicht den Blickwechsel von Werk- zu Produktionsästhetiken und bezeichnet eine historisch und kulturell variable Situation, mit der das Werkzeug und die Materialität, die Körperlichkeit, Medialität und Thematisierung von literarischen, aber auch nichtliterarischen Schreibakten enggeführt werden. Deshalb bietet er sich grundsätzlich als Konzeptbegriff für eine nicht allein auf Fragen der Poetik und Rhetorik oder editionsphilologische Aspekte gerichtete kontextbezogene Analyse des Schreibens an.
Wir erweitern die Schreibszene erstens um eine kollektive und intermediale Dimension. Wir erweitern sie zweitens räumlich und beziehen sie auf einen konkreten sozialen Schauplatz, an dem sich vielfältige Produktions- und Rezeptionssituationen von Gegenwartsliteratur überlagern: Auf der Frankfurter Buchmesse aktualisiert sich der Diskurs über Gegenwartsliteratur als Ereignis; in der Stadt öffnen sich Banken, Museen und der Römer der Literatur; in der Nachbarschaft der Rhein-Main-Region koexistieren der Büchner-Preis und der Deutsche Buchpreis, und nicht zuletzt ist die Stadt längst Schauplatz der Romane von E. Henscheid, M. Mosebach und W. Genazino geworden. Die ortsbezogene Erweiterung des ursprünglichen Konzepts der Schreibszene erlaubt es, die Produktionsbedingungen und Schreibweisen der Gegenwartsliteratur in eine reichhaltigere Konstellation einzubetten. Diese soll es ermöglichen, Gegenwartsliteratur als gemischtes und bewegliches Ensemble von Akteuren, Praktiken, Routinen und Verfahren in unterschiedlichen Medien, Institutionen und Kontexten unter pragmatisch realisierbaren Bedingungen zu erfassen.
Mit dem angereicherten Konzept der Schreibszene entfernt sich die Gegenwartsliteraturforschung im geplanten Kolleg sowohl von der etablierten Schreibforschung als auch von Literaturbetriebsforschung und soziologischer Szenenforschung. Stattdessen schließen wir mit der Fokussierung auf einen konkreten urbanen Schauplatz an Forschungstraditionen an, die bereits die Bedeutung von Orten wissenschaftlicher und künstlerischer Wissensproduktion in den Vordergrund gestellt haben. Die „Schreibszene Frankfurt“ kann so als Pilot-Projekt für „site-specific research“ im Bereich der Literatur- und Kulturwissenschaften verstanden werden. Indem wir ortsbezogene Heuristiken aus literaturwissenschaftlicher Perspektive aufgreifen, schaffen wir ein exemplarisches Szenario, in dem die zu erforschenden gegenwartsliterarischen Phänomene fokussiert werden können, ohne sie ihrer Komplexität und Dynamik zu berauben. Die Rahmung durch den gesetzten Schauplatz bietet auch die Gelegenheit, Prozesse globaler Vernetzung und translokaler Kommunikation am Beispiel gegenwartsliterarischer Phänomene zu hinterfragen: Gerade weil alles überall und jederzeit verfügbar scheint, spielen Verhältnisse vor Ort eine Rolle und helfen dabei, Unterschiede auch zwischen gegenwartsliterarischen Phänomenen herauszuarbeiten.

Philologische Praxis auf dem Prüfstand
Das Forschungskolleg kombiniert nationalphilologische und komparatistische mit soziologischen und ethnologischen Perspektiven auf gegenwartsliterarische Praxis. Die „Schreibszene“ stellt ein Modell der Graduiertenförderung dar, in dem sich fachliche Qualifikation und Selbstbeobachtung verbinden. Die gemeinsame theoretische Reflexion gilt daher nicht allein der Frage, wie (medien-)philologische und literatursoziologische Konzeptbegriffe zu differenzieren und zu verbinden sind. Auf dem Prüfstand stehen sowohl die Spielregeln auf dem Feld der Gegenwartsliteratur als auch jene ihrer wissenschaftlichen Beschreibung: Mit dem verdichteten Szenario des geplanten Frankfurter Kollegs nehmen wir die methodischen Nähe- und Distanzprobleme, die aus philologischer Perspektive hinsichtlich des Gegenstands Gegenwartsliteratur markiert wurden, zum Anlass, um Fragen nach Positionen, Perspektiven und Orten unserer wissenschaftlichen Praxis zu stellen. Als Modell philologischer Selbstbefragung stellte die angereicherte und erweiterte Frankfurter Schreibszene mehr als eine Möglichkeit dar, Feldanalysen textwissenschaftlich zu vertiefen. Wissenssoziologische Fragen wie die nach dem Verhältnis von implizitem und explizitem philologischem Wissen über den Gegenstand Gegenwartsliteratur übersetzen wir mit unserem Projekt in ein Spannungsfeld von Kreativität und Kritik.