Schreibszene Live: Stefan Mesch

Miriam Zeh Frankfurter Buchmesse

Meine Leute, in meinem Rücken

Öffentlich schreiben, auf der Buchmesse – 30 Minuten lang, im #orbanism-Space, einer Bühne und Veranstaltungsplattform für Digitales. Ich sitze an einem Laptop, an einem Schreibtisch, allein zwischen Podium und Publikum:

  • links, auf einer Bühne, sitzen Netz- und Blogfreund*innen wie Mara Giese und Susanne Kaspar und diskutieren zum Thema „Blogger: Wie finde ich meine Leser, und meine Leser mich?“
  • recht sitzt Miriam Zeh, Doktorandin in Frankfurt, über einem Laptop. Für @Schreibszene Frankfurt erforscht sie, mit welchen Hilfsmitteln, Ritualen und Werkzeugen Menschen literarisch/journalistisch arbeiten. Meine Beine sind übereinander geschlagen. Ich spreche die Sätze, die ich tippe, laut mit, um ihren Rhythmus zu testen. Ich benutze mein iPad als Second Screen. Miriam protokolliert diese Dinge, beobachtet mich beim Arbeiten.
  • vor mir, im Publikum, sitzen ca. 200 Literaturbloggerinnen (…tatsächlich fast nur Frauen: Ich zähle keine zehn Männer) und fragen nach Zielgruppen, Suchmaschinenoptimierung, Blog-Marketing. „Habt ihr alle eure Visitenkarten dabei?“, fragt Mara ins Publikum.

 

Ich mag solche Doppelrollen – als Protokollant, Beobachter, Mitschreiber:

Auf Hochzeiten, Kinder- und Verwandtengeburtstagen nehme ich mir oft eine Kamera.

Nach Lesungen poste ich auf Facebook.

Live-Tweets. Instagram-Fotos. Digitale Schnipsel.

NUR zusehen, NUR konsumieren, NUR still dabei sein – NUR als Privatmensch… langweilt mich.

 

Ich bin am liebsten… auf einer Mission: Ich will nicht nur für MICH zusehen, teilnehmen, beobachten, sammeln. Mir hilft, zu wissen: Es gibt – für JEDE Lesung, für JEDES Festival, sogar für jede Hochzeit, jeden Kindergeburtstag, jeden Sonntagsspaziergang – ein größeres Publikum als jene Leute, die gerade physisch im Raum sind: Menschen, die sich über meine Fotos oder meinen Blick, meine Fundstücke oder Wertungen, meine Perspektive oder einfach nur mein… nüchternes Protokollieren freuen:
Das, was ohne mich, im Real Life, oft schnell verpufft, kann ICH mit Laptops, iPads, Kameras einfangen und auf Blogs, Twitter, Facebook etc. ein wenig weiter tragen. Teilen. Verfügbar machen. Das…. tröstet oft. Motiviert mich. Regt mich an

Ich weiß: Ich bin auf keiner Veranstaltung, auf keinem Weg NUR für mich allein:

Da ist immer ein potenzielles Publikum in meinem Rücken: Menschen, denen ich das, was mir auffällt, vorschlagen und anbieten kann.

  • Halt die Augen offen.
  • Such nach dem Interessanten, Flüchtigen, Eigensinnigen.
  • Halte fest, was ohne dich sofort verfliegen würde.
  • …und finde DIE Plattformen, DIE Form, DIE Menschen, für die solche Fundstücke ein Gewinn sein können.

Das heißt nicht: Ich halte mich für wichtiger. Über den Dingen stehend. Oder: bleibe immer nur in einer distanzierten Beobachterrolle. Nein: Ich BIN gern da. Aber stehe eben, mit einem Fuß, im Digitalen. Im Sammeln. In der Idee, das, was um mich herum aufblitzt, als Materialsammlung zu verstehen, als Rohmasse, als Schatzkammer, als Flut, in der ich fischen darf/kann.

 

Facebook-Freund Fabian Neidhardt unterbricht mich, um kurz persönlich hallo zu sagen: Wir kennen uns nur online, ich frage nach Messe-Erlebnissen und Büchern, die ihm auffielen – er spricht über Thees Uhlmann’s Lesung zu Bruce Springsteens Autobiografie, „Born to run“ (Fabian: viel Uhlmann-Pose in der Lesung, eher wenig Springsteen).

Journalismus-Freund und –Role Model Hans Hütt unterbricht mich, um kurz persönlich hallo zu sagen und mit mir übers schwule Literatufestival „Empfindlichkeiten“ am Literarischen Colloquium Berlin zu sprechen (ich war Liveblogger).

Caroline Schultz unterbricht mich – Bloggerin, Bertelsmann-Veteranin und MA-Studentin, die mich letztes Jahr über meinen Blog interviewte.

Meike und Mareike – ein Bloggerinnen-Duo vom Blog Herzpotenzial unterbrechen mich – und empfehlen mir das britische Shakespeare-Projekt – Romane von Howard Jacobsen, Anne Tyler etc.

David Gray unterbricht mich – Krimiautor, Facebook-Freund.

Philipp Winkler steht da rechts! Zoe Beck – die ich noch nie in Person traf…

 

13.57 Uhr: Ich habe eine Stunde geschrieben. Und erst die Hälfte gesagt/die These nur angerissen:

„Das Gefühl, interessierte Menschen im Rücken zu haben, gibt den Veranstaltungen, die ich allein besuche, eine Dringlichkeit/Relevanz, die mich stüzt, anstachelt, glücklich macht.“

Ich muss das, mit mehr Zeit, nochmal ausführen.

Jetzt erstmal: Pause/Abbruch/Schlusspunkt, für heute – und nochmal länger mit den Menschen reden.

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Stefan Mesch

freier Literaturkritiker, Autor, gründlicher öffentlich Selbstreflektierender

Freitag, 21. Oktober 2016, 13:00 Uhr

Raum

  • auf dem Orbanism Space laut & voll wie nie: ein Bloggertreffen
  • Feld nimmt wenig Kenntnis von Beobachtungssituation, wiederholt stellen sich Menschen ins Sichtfeld zwischen Schreibendem und Beobachtendem (freundliche Hinweise werden getätigt)

Rhythmus

  • scheinbar sofortige Versenkung in konzentrierten Schreibprozess, wobei Schreibender zu keinem Zeitpunkt sein Bewusstsein für Außenwelt zu verlieren scheint (erkennbar an Augenbewegungen)
  • Schreibprozess setzt sich zusammen aus abwechselnden Lippen- und Tippbewegungen
  • Tippen mit hohen Geschwindigkeit und auffalend gelenken Fingern, danach lassen Lippenbewegungen einerseits auf leises Vorlesen des Geschriebene schließen, andererseits scheinen Lippenbewegungen (leises Murmeln?) auch Denkprozesse (diese gekennzeichnet durch Blicke in die Ferne) zu begleiten
  • während des Lesens wird mit Zeigefingern in die Luft getippt
  • allgemeiner Eindruck eines dynamischen Schreibprozesses mit hoher körperlicher Aktivität und gleichzeitiger hoher Konzentration
  • sporadische Blicke zur Beobachtenden (oft gefolgt von spitzbübisch ertapptem Grinsen) lassen ein permanentes Bewusstsein für die Situation des beobachtet Werdens vermuten
  • wiederholte Unterbrechungen durch Bekannte (um 13.22 Uhr, 13.26 Uhr, 13.35 Uhr, 13.37 Uhr, 13.53 Uhr, 13.58 Uhr, 13.59 Uhr, 14 Uhr) mit denen Schreibender stets kurze, aber äußerst freundlich-angeregte Unterhaltungen führt (erst sitzend, später stehend)
  • ab 13.46 Uhr Anzeichen von Anspannung erkennbar, vermutlich Zeitdruck
  • 13.48 Uhr Ipad wird genutzt (Notizen? Recherche?)

Körperlichkeit

  • eine Art verrenkter Schneidersitz auf dem Stuhl, bei dem es sich um eine für den Schreibenden   bequeme Sitzposition zu handeln scheint, denn sie wird während des gesamten Prozess der Textentstehung nicht verändert

Material

  • Ohrstöpsel
  • Laptop
  • Ipad