Internationale Konferenz: Was ist die Gegenwart der Gegenwartsliteratur?

Hanna Engelmeier


Termin Details


Programm

9. November

10:00h Introduction

PANEL 1
Wie erforscht man die Gegenwart/sliteratur? | How do we research contemporary literature?

Chair: Andreas Bülhoff

10:30h Laura McAleese/Lena Vöcklinghaus (Frankfurt): We have a live situation. Ethnographic Approaches to Contemporary Literature Studies

11:30h coffee break

12:00h Lionel Ruffel (Paris): Towards an Imaginary of Publication

13:00h lunch

PANEL 2
Wie, wann und warum geht die Gegenwart|sliteratur in Rente? | How, when and why does contemporary literature retire?

Chair: Kevin Kempke

14:00h Robert Eaglestone (London): The Past in Contemporary Fiction

15:00h Monika Dommann (Zürich): Wie schreibt sich Geschichte in der Gegenwart? Javier Cercas Roman Anatomía de un instante

16:00h coffee break

PANEL 3
Wie altert die Gegenwart? | What are the signs of ageing in contemporary literature?

Chair: Hanna Engelmeier

16:30h Christian Spies (Frankfurt): The Art Work’s Afterlife. Revised Concepts of Historicity since the late 1960s

17:30h Statusmeldung zum Booksprint | status update of book sprint

 

 

10. November

9:30h Fortsetzung von Panel 3 – Panel 3 continued

Johannes Lehmann (Bonn): ‚Gegenwartsliteratur‘ – der begriffsgeschichtliche Befund

PANEL 4
Wohin wandert die Literatur, wenn die Gegenwart vorbei ist? | What are literature’s whereabouts, once the present becomes past?

Chair: Lena Vöcklinghaus

10:30h Holger Schulze (Copenhagen): Ubiquitous Literature: Towards A Poetics of Particles in Early 21st Century-Literature

11:30h coffe break

12:00h Innokentij Kreknin (Dortmund): ‚Reading someone’s life‘. How digital life narratives transcend literature and the téchne of being and create a new temporality

13:00h lunch


PANEL 5
Gegenwart Vorsorge Plus: Heute schon an später denken | Futures of the contemporary

Chair: Miriam Zeh

14:00h Ines Barner (Basel): Zur Praxis der Revision bei Marcel Beyer

15:00h Hanna Engelmeier, Jan Wilm (Frankfurt am Main): Marbach, Texas

16:00h Schlussworte | closing remarks

 

COLLABORATIVE BOOK SPRINT
feat. Moritz Klenk (Bern), Sonja Lewandowski (Bonn) and Yevgeniy Breyger (Frankfurt)

 

 

Abstract (english version below):
Margaret Atwood veröffentlicht eine Umdichtung von Shakespeares The Tempest (Hag Seed); Raoul Schrott überträgt Liebeslyrik aus dem Altägyptischen ins heutige Deutsch. Sind diese Texte Gegenwartsliteratur? Was sollten oder könnten sie sonst sein? Einer der aktuellen Bestseller des Hörverlags ist Gert Westphal liest Thomas Mann. Die große Höredition. Handelt es sich dabei um aktuelle Literatur, weil sie in einem digitalen Medium angeboten wird? Kein erfolgreiches Buch kann ohne Autorinnenlesung am Markt bestehen. Ist literarische Zeitgenossenschaft zu besichtigen, wenn Danielle Steele aus The Mistress liest, oder ist es der Fall, wenn Marcel Beyer seine Dankesrede für den Büchnerpreis hält? Warum sollte das eine mehr, das andere weniger zutreffen? Das deutsche Literaturarchiv Marbach verwaltet nicht nur die schriftlichen Hinterlassenschaften von toten Autorinnen und Autoren, sondern auch von noch lebenden Philologen oder Autorinnen, die in Archivkästen die Gegenwart von jetzt sicherheitshalber für die Zukunft auf Dauer stellen. Was heißt das für die zu-künftige Vergangenheit? Die Gruppe 47 ist mittlerweile ordentlich kanonisiert. Sind die noch lebenden Mitglieder Autoren von Gegenwartsliteratur, oder ist diese Stelle im Literatursystem Mitgliedern jüngerer Generationen überlassen? Das IASL brachte im vergangenen Jahr einen Schwerpunkt zur Gegenwartsliteratur/forschung heraus. Während diese einerseits im Editorial als etablierter Ge-genstand genannt wird, müssen andererseits noch immer die Stimmen genannt werden, die einen ganzen Forschungszweig als nicht satisfaktionsfähig bezeichnen. Warum ist der Begriff der Gegenwart in der Literatur/wissenschaft eher Problem als ein zeitlicher Index, während die Geschichtswis-senschaft das Forschungsfeld der Zeitgeschichte theoretisch und methodisch etabliert hat und die Medienwissenschaft sich mit dem (nirgends so genannten) „Gegenwartsfilm“ oder „Gegenwartsfernsehen“ nicht schwer tut?
In der Auseinandersetzung mit Gegenwart als Epoche und Gegenstand der Literaturwissenschaft stehen sich verschiedene Grundauffassungen gegenüber: Literarische Gegenwart wird einerseits als Konstrukt beschrieben, das naturgemäß nicht abschließend definiert werden kann, weil es sich un-ablässig selbst neu hervorbringt und in hohem Maße kontingent ist. Gegenwart in der Literatur wird andererseits als beobachtbarer, mehr oder weniger abgeschlossener Verhandlungsraum und Schauplatz von Gegenwart und Zukunft verstanden. Je nach dem, welcher Auffassung man sich anschließt, folgen entsprechend unterschiedliche Modellierungen des Verhältnisses von Literatur und Gesellschaft. Aber auch zentrale Fragen nach produktions- und rezeptionsästhetischen Aspek-ten, Mündlichkeit und Schriftlichkeit, nach Präsenz und Performanz, nach Marktförmigkeit und Dis-tribution, Kanonisierung und Kritik werden durch die Frage nach der Gegenwart grundsätzlich be-stimmt. Dies hat Folgen für die Ausrichtung der Literaturwissenschaft selbst: Der Begriff wird zum quasi idealen Medium der Reflexion auf die jüngere Disziplinengeschichte und die Selbstverständigung des Faches.
Das Forschungskolleg „Schreibszene Frankfurt“ beschäftigt sich mit der „Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur“ und setzt sich diesen Fragen grundsätzlich aus. In einem zweiten Workshop möchten wir uns mit der Frage auseinandersetzen, welche methodischen und systematischen Schwierigkeiten durch die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Gegenwart produktiv gemacht werden können. Es ergeben sich Öffnungen hin zu anderen Fächern, die sich ebenfalls durch die Auseinandersetzung mit der Gegenwart herausgefordert sehen. Dazu gehört die Geschichtswissenschaft ebenso wie die historisch arbeitenden Philologien und die Bildwissenschaft, gleichermaßen sind jedoch die Theater- und Medienwissenschaft adressiert.
Wir würden uns sehr freuen, wenn wir Sie zu einem Gespräch über die oben genannten Themen gewinnen könnten. Fragen, die uns dabei besonders interessieren, sind die folgenden:
Zur Periodisierung/Literaturgeschichtsschreibung: Kann ‚Gegenwartsliteratur’ ein sinnvoller Epo-chenbegriff sein? Falls ja: Wann beginnt die Gegenwartsliteratur? Falls nein: welche methodischen und systematischen Folgen ergeben sich aus der Problematisierung des Begriffs?
Zum räumlichen Referenzrahmen: Inwiefern ist von simultanen bzw. multiplen Gegenwarten der Literatur in nationalen und transnationalen Konstellationen zu sprechen?
Zur Fachgeschichte: Welche Verbindungen bestehen zwischen der Konjunktur bestimmter Forschungsfragen, Theorie-Konjunkturen und dem Status der Gegenwartsliteratur/forschung?
Zur Interdisziplinarität: Kann die Gegenwartsliteratur in ausreichendem Maße allein durch die Litera-turwissenschaft erforscht werden, oder ist sie von vornherein als interdisziplinäres Unternehmen angelegt, in dem Sozialgeschichte und -wissenschaft entscheidende Impulse geben? Welche weiteren Disziplinen sollten herangezogen werden?
Zur Medialität: Lesen unter digitalen Bedingungen führt zu einer neuen Gewichtung der Begriffe Simultaneität, Diachronie und Synchronie bei der Rezeption von Texten. Wie kann dies in dem Ver-ständnis dessen, was Gegenwart ist, und welche Literatur sie hervorbringt, fruchtbar gemacht werden?
Zur Gattungsgeschichte: Welche Formen privilegiert die Gegenwartsliteratur – kommt es zu einer immer stärkeren Abgrenzung von sogenannter E- und U-Literatur, von kleinen Formen und „Blauwalen“ in Romanform? Welche Folgen haben diese Fragen für die Gegenwartsliteraturforschung? Ist die Zeit der großen Monographien vorbei, und die Epoche des Essays gekommen? Oder ist der Begriff der Gegenwart unabhängig von Genrefragen zu denken?

 

Margaret Atwood publishes an adaption of Shakespeare’s „The Tempest“, titled „Hag Seed“; Raoul Schrott translates love poetry from ancient Egyptian into contemporary German. Are these texts to be seen as contemporary literature? What could or should they be categorised as otherwise? A current bestseller from the German Hörverlag is „Gert Westphal liest Thomas Mann. Die große Höredition“ [Gert Westphal reading Thomas Mann. The unabridged audio book edition]. Is this an example of contemporary literature because it is offered in a digital format? Without the author’s presence at public readings, a successful book cannot survive on the market. Should we be speaking of ‘the con-temporary’ when Danielle Steele reads from „The Mistress“, or is this not rather the case when Marcel Beyer presents his acceptance speech for the Georg Büchner Prize? Why should one be categorised as such over the other? The German Literature Archive Marbach curates not only the written be-quests of late authors but also catalogues materials by living philologists and writers. Boxed and sorted, the present has already been archivally preserved for the future. What consequences does this have for the future past? Group 47 is firmly canonized by now. Should its living members be considered authors of contemporary literature, or is this position in the literary period system re-served for younger generations? Last year, the IASL published a special edition with the theme of contemporary literature and its research. The editorial presented this as an established subject of academic discussion and yet, critics voicing scepticism at the legitimacy of this whole field of research had to be included. Why is the idea of the contemporary in literature and literary studies more of a problem than a period index? After all, historians have established the field of contemporary history in theoretical and methodological terms and media studies hardly struggles with cate-gories of contemporary film or contemporary television.
In the critical engagement with the present and the contemporary as a period and subject of literary studies, different basic views are at odds with one another: On the one hand, the literary present has been described as a construct which is naturally impossible to define conclusively, since it con-tinuously transforms itself and becomes, thus, highly contingent. The present in literature, however, is understood as a more observable and largely defined space and scene of negotiating present and future. Depending on which perspective one chooses to adopt, relevant models of the relationship between literature and society become pertinent. Nevertheless, fundamental questions surrounding the aesthetics of production and reception, oral and written culture, presence and performance, marketability and distribution, as well as canonization and critique are essentially defined by the question of the present and the contemporary. This has consequences for the direction of literary studies as a whole: The concept becomes a quasi-ideal site of reflecting on the recent history of the discipline and its resulting self-understanding.
The research group ‘Schreibszene Frankfurt’ takes ‘The Poetics, publishing, and performativity of contemporary literature’ as its focus and is engaged in considering these questions. In our second workshop, we intend to broach the question of how methodological and systemic difficulties can be made productive by examining the concept of the present and the contemporary. This allows for openings towards other disciplines which are equally challenged by their engagement with the present and the contemporary. This includes history, as well as historically oriented philology and education studies, also theatre and media studies – we welcome contributions from these as well as adjacent fields of research.
We would be delighted to welcome you here in Frankfurt for a conversation about the above-mentioned topics. Questions we are particularly interested in include:
– Periodisation and literary history: Is ‘contemporary literature’ a meaningful category of periodisation? If so, when does contemporary literature begin? If not, what kinds of methodological and systemic consequences arise from a problematisation of this concept?
– Spatial frames of reference: To what extent should we be speaking of simultaneous or even multiple instances of ‘the present’ and ‘the contemporary’ in literatures stemming from national and transnational constellations?
– Subject history: What kind of relationship exists between the economy of certain research questions, economies of theory, and contemporary literature and its research’s status as a subject?
– Interdisciplinarity: Are literary studies alone able to investigate the question of contemporary litera-ture in sufficient depth or is this inevitably an interdisciplinary project? Should social history and sociology contribute pivotal input and which other disciplines might be helpful to include?
– Mediality: Digital reading situations lend new emphasis to ideas, such as simultaneity, diachronism and synchronism, in the reception of texts. How can this be made fruitful in an understanding of what ‘the present’ and ‘the contemporary’ are and how literature generates them?
– History of genres: Which shape and form of literature is privileged by contemporary literature? Which constellations of highbrow and lowbrow, of emerging forms of popularity can be observed? Is there a growing distinction between shorter forms and great novels? Which consequences arise for contemporary literature when considering these questions? Has the period of long monographs passed, and should we hail the age of the essay? Or is the concept of the present and the contemporary to be treated independently from questions of genre?