Ein kurzes Interview mit Mark McGurl

Lena Vöcklinghaus, Unkategorisiert

Gemeinsam mit dem Institut für England- und Amerikastudien lud die Schreibszene Frankfurt am 23. Juni Mark McGurl zu einem Vortrag an die Goethe-Universität ein. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um dem Professor aus Stanford einige Fragen zu stellen über seine aktuelle Arbeit, über die Herausforderungen in der Gegenwartsliteraturforschung und über sein mittlerweile kanonisches Buch „The Program Era“.

2016 haben Sie einen Artikel veröffentlicht, in dem Sie beschreiben, wie sich der Buchmarkt unter neoliberalen und neokapitalistischen Bedingungen verändert, vor allem unter dem Einfluss eines Phänomens, das Sie als „literarisches Zeitalter von Amazon“ bezeichnen. Und in Ihrem Vortrag an der Goethe Universität haben Sie über Veränderungen im Leseverhalten gesprochen, die mit diesen Bedingungen einhergehen. Planen Sie ein neues Buch zu dieser Thematik, und wenn ja, welche weiteren Phänomene werden Sie in Ihre Forschung miteinbeziehen?

Ja, ich hoffe, das Material bald zu einem kurzen Buch zusammenstellen zu können. Es soll um den Aufstieg des Online-Versandhandels Amazon.com als ein Ereignis in der Literaturgeschichte gehen. Dazu möchte ich die Firma als Linse nutzen, durch die eklatante Neuerungen im zeitgenössischen literarischen Feldes betrachtet werden können, und zwar die Literaturvermittlung, die sich digitaler Technologien bedient, das Internet und die zeitgenössischen neoliberalen Marktbedingungen. Mein Forschungsansatz betrachtet das literarische Zeitalter von Amazon in seiner historischen Traditionslinie. Schließlich gehörten Bücher zu den ersten industriell gefertigten Massenprodukten.

Ich habe die genaue Form des Projektes noch nicht komplett umrissen, aber momentan arbeite ich an einem Kapitel, das ganz grundsätzlich von Romanen und Internet handeln soll. Mal abgesehen davon, dass das Internet Zeit in Beschlag nimmt, die ansonsten für die Lektüre von Erzählungen in Langform genutzt werden könnte, frage ich hier: Was bedeutet der Aufstieg eines globalen elektronischen Netzwerks für den Roman als Genre? Bringt es die hochgeschätzte Qualität des Romans, heterogene Diskurse abzubilden, an die Grenzen seiner Belastbarkeit? Hat der Roman als polyphone epische Form endlich sein Ebenbild im Internet gefunden? Oder findet der Roman tatsächlich Inspiration im Internet für thematische und formale Innovationen?

Das literarische Zeitalter von Amazon ist fundamental mit den Ideologien und Praktiken der kapitalistischen Warenwelt verbunden, also mit dem Lesen als einer bestimmten Form des Konsums. Anders als in meinem letzten Artikel möchte ich aber auch der Frage nach Arbeitsstrukturen in dieser Welt mehr Aufmerksamkeit widmen. Mittlerweile habe ich ein kleines Archiv zeitgenössischer Erzählliteratur zusammengetragen, die sich mit den aktuellen Bedingungen dieser Arbeit auseinandersetzen. Wir werden sehen, wie ich mit ihnen arbeiten kann.

Ihr letztes Buch hat einen relativ großen Zeitraum – von 1936 bis 2008 – in den Blick genommen, während sich Ihr momentanes Forschungsinteresse eher auf Lese- und Schreibpraktiken der Gegenwart konzentriert. Was sind die größten Herausforderungen dabei, die Gegenwart zu betrachten?

Im zuvor erwähnten Artikel widme ich mich der Frage, wie die Erforschung einer Literatur im Zeitalter von Amazon funktioniert: Der Forscher muss sich selbst in jene „Echtzeit“-Praktiken, die für den Gegenstand repräsentativ sind, hineinbegeben. Bei Amazon wird schnell entschieden und gehandelt: Die Aktivitäten von Amazon verändern sich ständig und damit auch die Marktbedingungen, die die Firma umgeben. Die größte Herausforderung bei der Beobachtung eines Phänomens wie Amazon liegt damit schlichtweg in der Geschwindigkeit. Als Wissenschaftler der Gegenwartskultur sieht man sich konfrontiert mit einem schwindelerregenden Sog, mit einem Blick auf sich chaotisch entfaltende Ereignisse. Getätigte Aussagen können binnen von Minuten veralten. Und zumindest in meinem Fall bedeutet Gegenwartsliteraturforschung eine – zumindest teilweise – Verschmelzung von Praktiken der Literaturwissenschaft und des Journalismus. Letzterer hat sich ja schon immer auf die Gegenwart bezogen. Das muss bis zu einem gewissen Grad auch jedes literaturwissenschaftliche Vorhaben leisten, das mit Amazon Schritt halten will. Die Alternative wäre, die Dinge einfach geschehen zu lassen und irgendwann darüber zu schreiben, was Amazon bewirkt hat, anstatt darüber zu berichten, was Amazon gerade bewirkt und verändert. Es gibt viele gute Gründe, die mich und viele andere Wissenschaftler motivieren, sich neuerdings auf die Gegenwart zu konzentrieren. Uns treibt der Wunsch, zumindest ein wenig transparenter zu machen, wie sich die Geschehnisse von hier aus weiterentwickeln. Darüber hinaus halte ich es für besonders wichtig, dass wir in einer Welt, die manchmal post-literarisch genannt wird, die Realität literarischer Praktiken dokumentieren.

Eine Schwierigkeit, der wir uns als Forschende der Gegenwartsliteratur oft gegenübersehen, ist, dass unsere Arbeit mit dem literarischen Feld verwoben ist: Wenn wir uns auf Bücher beziehen, deren Wertungsprozesse noch nicht abgeschlossen sind, tragen wir zu einer Kanonisierung bestimmter Werke bei, während wir andere außen vor lassen. Wie gehen Sie damit um?

Das ist ein interessantes Dilemma, vor allem in einem Projekt wie dem meinen, welches nicht auf der literarischen Qualität seiner Texte basiert, so gut einige von ihnen auch sein mögen. Was mich bei Amazon fasziniert, ist die völlige Horizontalität in Geschmack und Werturteilen, die es dem literarischen System entgegenhält. Hier ist das, was wir ehrerbietig „Literatur“ nennen, bloß ein Genre unter vielen, welches Lesende zu mögen scheinen. Thriller, Schwert- und Zauber-Fantasien, pornografische Romanzen, literarische Romane – sie warten alle gemeinsam auf einem (virtuellen) Bücherregal, um erworben oder eben nicht erworben zu werden. Mit anderen Worten: Amazon verletzt die traditionelle Struktur des literarischen Feldes an zwei konkurrierenden Wertachsen, dem Gewöhnlichen und dem Ehrwürdigen, wie es ein hervorragender Text von Günter Leypoldt vor Kurzem beschrieben hat. Die einzige Form transzendenter Werte, der Amazon sich unterwirft, ist transzendente Beliebtheit.

Vor zwei Jahren hat der Autor Junot Díaz die Creative-Writing-Programme in den USA als zu weiß und zu männlich kritisiert. Eine Kritik, die ein paar Jahre zuvor zur Gründung des Programms „Voices of Our Nations“ geführt hat. Ihr Buch „The Program Era“ hat eine entscheidende Rolle in der Debatte geführt, weil es die spezifischen Strukturen der Creative-Writing-Programme beschreibt, welche zu den Diskriminierungen führten, die Junot Díaz und andere kritisierten. Wenn die Debatte vor 2008 stattgefunden hätte, (wie) hätten Sie sie in Ihr Buch integriert?

Ich würde auf keinen Fall negieren, dass die Demographie (und damit auch die weißgewaschene Ästhetik), die Junot Díaz kritisiert, existiert. Ich finde aber, dass es an amerikanischen Instituten eine Allgegenwart des Diskurses um Wertschätzung von Diversität gibt, der Díaz in seinem Artikel zu wenig Beachtung schenkt. Leider gibt es ja oft einen großen Graben zwischen bloßen Lippenbekenntnissen und der wirklichen Umsetzung solcher Ideale. Aber diese Geschichte kann nicht erzählt werden, ohne das Werk von Díaz und seine immer größere Verbreitung in der Lehre zu beachten. Wenn man den Artikel liest, hat man den Eindruck, dass er sich in das Creative-Writing-Programm in Cornell geschmuggelt hat, anstatt angenommen worden zu sein. Des Weiteren steht er mit seiner Kritik in einer langen Tradition von akademisch ausgebildeter Autoren, die sich von ihrer institutionellen Umgebung distanzieren.

Wenn ich noch an meinem Buch gearbeitet hätte, als Díaz‘ Artikel erschien, hätte ich wahrscheinlich etwas zu dieser Distanzbewegung geschrieben. Und ich hätte auch darauf hingewiesen, dass er dem Entfremdungsgefühl, das er in seinem Creative-Writing-Programm erlebt hat, die Gründung eines weiteren Creative-Writing-Programms entgegenstellt. Für mich ist das schon Aussage genug.

 

 

Fragen: Lena Vöcklinghaus, Korrektorat: Laura McAleese und Miriam Zeh