Schreibszene Live: Aufführungsbericht.

Lena Vöcklinghaus, Frankfurter Buchmesse

wir setzten 19 Schreibende an einen Schreibtisch und ließen sie je eine Stunde lang schreiben; wir setzten uns ihnen gegenüber und trugen Notizen in ein Raster ein; wir fotografierten sie, sie fotografierten uns; wir lektorierten nichts und stellten alles online. nun wird ausgewertet. ein versuch.

»ich hab noch nie auf einer bühne geschrieben, völlig zurecht.« (Maren Kames)

Unmittelbar nach meiner ersten Schicht wurde ich von einem Journalisten gefragt, was ich denn nun durch das Beobachten des Schreibprozesses in unserer Schreibszene Live über das Schreiben gelernt hätte. Nichts, musste ich ihm antworten, ich habe nichts über das Schreiben gelernt. Denn die Schreibszene, die wir als Forschungskolleg auf der Frankfurter Buchmesse installierten, war trotz ihrer gemütlichen WG-Zimmer-Aura zu hundert Prozent artifiziell. Die 19 Schreibenden, die in den ersten drei Buchmessentagen dort Platz nahmen, waren von uns gebeten worden, sich an den Schreibtisch neben der Bühne des Orbanism-Space zu setzen. Keiner von ihnen wäre selbst auf die Idee gekommen, in der durch Rückkopplungen geprägten Geräuschkulisse und unter den oft aufdringlichen Blicken der Vorbeieilenden seine Beobachtungen zur Buchmesse zu verschriftlichen; noch dazu, wenn eine in den meisten Fällen gleichaltrige Person ihm gegenübersitzt und sich Notizen macht über Körperhaltung, Anordnung von Gegenständen auf dem Schreibtisch, Rhythmus des Tippens und andere sehr intime Details des Schreibprozesses, ganz zu schweigen von dem unangenehmen Fakt, dass der entstehende Text sofort und ohne Lektorat auf ewig im Internet verfügbar sein wird. Über das Schreiben ließ sich in der Schreibszene Live nichts beobachten; es war eine inszenierte Szene, die keine Schlüsse zulässt darauf, wie Astrid Nischkauer ein Gedicht, Dmitrij Gawrisch eine Reportage oder Stefan Mesch seinen nächsten Blogeintrag verfasst.

Dann würden wir, mutmaßte der Journalist weiter, doch sicher die Beobachtungen unserer Schreibenden systematisieren und ein Panorama, besser noch eine Typologie der Buchmessen-Beurteilungen erstellen können. Auch hier musste ich ihn enttäuschen: Die Schreibenden, die sich zu uns an den Schreibtisch gesetzt haben, waren uns durch verschiedene Gründe so wohlgesonnen, dass sie sich auf die Aktion einließen. Ihnen gefiel die Plattform, die wir ihnen boten, ihnen gefiel das Forschungskolleg, ihnen gefiel vielleicht auch bloß ein Mitglied des Forschungskollegs, oder sie hatten Lust auf ein Experiment. Auf jede meiner Anfragen kamen jedoch mindestens drei Absagen, und selbst wenn unsere Zusammensetzung altersmäßig ein wenig heterogener gewesen wäre, ließe sich doch weder ein Querschnitt noch eine Generalisierung von Buchmessen-Beobachtungen aus unseren Schreibszenen gewinnen – dafür war die Auswahl der Schreibenden nicht repräsentativ genug.  Ebensowenig taugte die Schreibszene Live als Marketingstrategie oder Verkaufsfläche: Lange besaßen wir nicht mal einen sichtbaren Hinweis auf die Homepage, auf der die Texte erscheinen würden; bis zum Schluss gab keine Tafel und kein Flyer über das Forschungskolleg oder die am Schreibtisch sitzenden Autorinnen Auskunft.

»Ich zum Beispiel weiß eigentlich nicht so recht, was ich hier tue. Außer: im Schreibszenenauftrag am Schreibszenentisch im Orbanism Space schreiben.« (Ekkehard Knörer)

Es fiel mir so schwer, auf die Frage, was wir eigentlich auf der Buchmesse tun, zu antworten, dass ich irgendwann selbst fürchtete, unsere Schreibszene Live wäre nichts anderes als eine Ausrede, auf der Messe und damit im literarischen Leben auch als Wissenschaftlerin ein bisschen mitmischen zu dürfen. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass unsere Idee ein anderes Fundament besaß; dass wir im Vorfeld hofften, etwas beim Beobachten herauszufinden und nachher nicht nur müder, sondern auch irgendwie schlauer zu sein. Tatsächlich verstand ich aber erst im Prozess des Beobachtens, dass unsere Schreibszenen-Aufführung nicht nur ein Ausstellen der Schreibenden, sondern auch und vor allem ein Ausstellen der Forschenden war und damit in seiner Gesamtinszenierung als ein Beitrag, oder auch ein Kommentar zur Gegenwartsliteraturforschung gelesen werden kann.

Hanna Engelmeier formulierte in ihrer Rede zur Eröffnung unseres Forschungskollegs folgenden Anspruch an eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Gegenwartsliteratur: »Sie zu erforschen bedeutet zum Beispiel, sich selbst immer in die Beschreibung und Analyse einer Literatur hineinzurechnen, die überhaupt nur als Bestandteil eines literarischen Lebens wirksam werden kann, zu dem wir selbst gehören.« Wie sehr dies zutrifft, wie eng die Forschung zur Gegenwartsliteratur und die Entstehung von Gegenwartsliteratur selbst miteinander verzahnt sind, inszenierte unsere Schreib- und Beobachtungsszene. Forschen und Schreiben fielen in ihr zeitlich und örtlich vollständig ineinander. Zusätzlich ließ sich unsere Inszenierung nach außen kaum als solche erkennen: Weil keine Beschilderung und kein Flyer über unser Projekt Auskunft gab, sahen Nichteingeweihte nur einen Schreibenden an einem Schreibtisch und ihm gegenüber ein paar junge Leute, die über ihre Laptops gebeugt waren. Die Simultanität und die Verstecktheit unserer Schreibszene Live sorgten für eine Nähe zwischen den Beteiligten, die zu indirekten Unterhaltungen, vieldeutigen Gesten und nicht selten sogar zu einem wechselseitigen Übereinander-Schreiben führte.

Die Autorin beobachtet die Gegenwart; der Literaturwissenschaftler beobachtet die Autorin und ist gleichzeitig Teil ihrer Gegenwart; und welche Werke welcher Autorinnen in der Gegenwart wahrgenommen werden, liegt wenigstens zum Teil in der Verantwortung der Literaturwissenschaftler (indem Wissenschaftlerinnen in Jurys für Preise, Stipendien, Poetikvorlesungen sitzen, Rezensionen schreiben und durch ihre Publikationstätigkeiten zur Kanonisierung bestimmter Autoren beitragen). Diesen kleinen Ausschnitt der literaturbetrieblichen Produktionsbedingungen mit ihren gegenseitigen Bezugnahmen stellte unsere Schreibszene Live auf verdichtete und zugespitzte Weise aus.

»Blickkontakt, Schmunzeln, jetzt ist es klar, wir schreiben gegeneinander« (Andreas Bülhoff)

Viele der Beobachtungstexte enthalten Schreib-Szenen, also Stellen im Text, an denen die Schreibenden ihre eigene Schreibszene (also die reale, außertextuelle Situation, in der sie sich gerade schreibend befinden) thematisieren. Für mich als Forscherin sind diese Schreib-Szenen interessant, sobald sie eine Entsprechung im Beobachtungsprotokoll haben, weil sie dann Wahrnehmungsweisen und Blickrichtungen offenlegen und damit einen Teil der impliziten Praktiken versprachlichen können, die in (literarischen) Produktionsgemeinschaften am Werke sind. Manchmal fallen Gedanke und Beobachtung tatsächlich ineinander, wie bei Philipp Winkler und Laura McAleese: »und warum ist der stuhl so unbequem (oder was wahrscheinlicher is: meine haltung so krumm und ungesund), dass ich augenblicklich rückenschmerzen krich?« / »14:14: streckt sich, lockert den Nacken«. Manchmal fallen Schreibendem und Beobachtendem exakt dasselbe Detail der Umgebung auf, wie bei Fabian Thomas und Kevin Kempke: »Schlusszitat von nebenan: ›Ich glaube, das der normale Mensch Drogen braucht, um sich von dem Korsett zu befreien, das die Realität ihm anlegt.‹« / »17:44: Blick auf’s iphone. Unterdessen fällt auf der Bühne der Satz: ›Ich glaube, dass der Mensch Drogen braucht.‹« Viel häufiger jedoch legen die Beobachtungsprotokolle, wenn sie mit Schreib-Szenen in den Beobachtungstexten verglichen werden können, Fehldeutungen offen. Markus Hubers ernsten Blick interpretierte ich als gestiegene Konzentration, während er in Wirklichkeit Ausdruck einer Schreibhemmung war; Hanna Engelmeier mutmaßte über Maren Kames‘ Schreibszene: »wirkt von außen wie ein vielfach durchgearbeiteter Text, der hier entsteht«, während Maren Kames ihren Text als »irgendwie runtergeschrieben« bezeichnet (und er zwischen diesen beiden Extremen schwebt).

In einer Wissenschaft der Gegenwartsliteratur, die nicht nur die Texte im Blick behalten, sondern auch ihre Entstehungskontexte verstehen möchte, sind die Buchmessen-Beobachtungen und ihre Protokolle ein Hinweis darauf, wie schwer es ist, Schreibprozesse in ihre einzelnen Bestandteile zu zerlegen, sie beobachtbar zu machen und aus den Beobachtungen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich habe Markus Huber vor allem im professionellen Kontext erlebt und Hanna Engelmeier kennt die präzise gesetzte Lyrik von Maren Kames, was unsere Wahrnehmung und unsere Urteile entsprechend beeinflusst haben wird. Solche den Blick lenkenden Vorannahmen werden umso mehr greifen, je präsenter die Autoren- oder auch Lektoren-, Verlags-, Bloggerinszenierung ist. Die Installation war also, wenn man es so will, nicht nur ein Ausstellen der Beobachtbarkeit, sondern vor allem ein Ausstellen der blinden Flecken der Beobachtbarkeit von Schreibprozessen, was an dieser Stelle, wenn es nach mir geht, gerne exemplarisch für den gesamten literarischen Produktionsprozess und seine Beobachtbarkeit stehen kann.

»Dies entstand, als ich so tun muss.            , als w+würde ocj scjpmschreiben, weil jemand 1 Instagramvideo von mir drehte.!« (Tilmann Winterling)

Wer die Schreibszene Live als eine Installation liest, aus der weder ihre Künstlichkeit noch die Beobachtenden herausgerechnet werden können, der kommt nicht umhin, die Texte gemeinsam mit ihren Beobachtungsprotokollen oder, besser noch, in ihrer Aufführungssituation zum Gegenstand der Analyse zu machen. Einige Schreib-Szenen in den Beobachtungstexten legen eine solche Lesart besonders nahe, indem sie ihre performative Poetik offenlegen. So besagt eine Schreib-Szene von Max Wallenhorst: »(Jetzt muss ich so lange die Arme in der Luft stretchen, bis ich weiß, dass meine Beobachter*innen es gesehen haben, damit diese Bewegung nachher unter dem Text notiert ist und mein Plan von schwacher (!!) Form-Inhalt-Synchronisierung auf-, naja, losgeht.)« Diese Textstelle suggeriert, dass das Lesen zusammen mit dem Beobachtungsprotokoll in der Struktur des Textes berücksichtigt wird. Das Protokoll soll den Text spiegeln und ihn ästhetisch erweitern, was an dieser Stelle, sogar funktioniert: »nach knapp 20 Minuten die ersten Ermüdungserscheinungen? Mehrmals werden die Hände hinter dem Kopf verschränkt (macht er das jetzt extra nochmal, damit ich das auch ja mitschreibe? Wenn ja: hat geklappt!)« (Kevin Kempke).

Max Wallenhorsts, aber auch Adrian Schulz‘ und Tilmann Winterlings Beobachtungen sind Texte, die stark mit performativen Schreibweisen arbeiten. Sie beinhalten poetische Verfahren, die erst in einer Aufführungssituation (die hier zugleich ihre Entstehungssituation ist) ihre volle Wirkung entfalten und in unseren Beobachtungsprotokollen zumindest teilweise festgehalten sind. Solche Schreibweisen gab es schon immer, sie sind zentraler Bestandteil der Lyrik seit der höfischen Dichtung und zentraler Bestandteil der Avantgarden des zwanzigsten Jahrhunderts (um nur zwei Beispiele zu nennen). Sie wurden aber von der Literaturwissenschaft meistens ignoriert, weil diese als ihren Gegenstand meistens das geschriebene oder zumindest fixierte Wort begreift und solcherlei Schreibweisen gern ins Anekdotische oder in die Autorinszenierung verbannt, anstatt sie als Teil eines Werkes zu betrachten und ihre ästhetischen Effekte zu beobachten und zu analysieren.

Unsere Beobachtungsprotokolle können, wenn man so will, gelesen werden als ein Versuch, performative Schreibweisen auch außerhalb des geschriebenen Wortes zu erfassen; der ästhetischen Ergänzung, welche in der Aufführungssituation durch die Körperlichkeit der Autorin, die Umgebung und die Interaktion mit dem Publikum entsteht, habhaft zu werden. Die Wissenschaft der Gegenwartsliteratur hat den großen Vorteil, Aufführungen aller Art beiwohnen, sie dokumentieren und in ihrer Gänze analysieren zu können, anstatt ihren Gegenstand auf das geschriebene bzw. publizierte Wort zu reduzieren. Dafür müssen wir Wissenschaftlerinnen zu Beobachterinnen der Gegenwart, aber auch unserer selbst werden und unsere Methodenköfferchen um ethnografische, theaterwissenschaftliche, soziologische Methoden erweitern. Zusätzlich müssen wir uns dem Betrieb aussetzen, die Orte aufsuchen, an denen Literatur entsteht, vermittelt und verbreitet wird. Und wir müssen unsere Interventionen und ihre Folgen im Blick behalten, in Schreibszenen Live, in Forscherszenen Live, und von mir aus auch in Scheiterszenen Live. Hauptsache, der Blick bleibt offen.

Lena Vöcklinghaus