Schreibszene Live: Tim Holland

Sara Heristichi Frankfurter Buchmesse

17Uhr. Arbeitsbeginn. Sitzen. Die Hacken tun weh. Heute den ganzen Tag die Absätze in die Teppichböden gestemmt.

Nebenan soll die DIE MEMETIK DES NEUENGEILENINTERNET stattfinden.

Findet aber nicht statt.

Ich will recherchieren. Auf dem Rechner gibt’s aber kein Internetzugang.

Von irgendwo Klatschen.

Gerade eben war hier noch Halligalli (der ferne Applaus erinnert mich daran). Da war die Auftaktveranstaltung von BLOGBUSTER. Bloggerinnen und Blogger sollen als Vorjury das nächste große Ding entdecken. Dann wird weiter vermittelt. Denis Scheck und Elisabeth Ruge saßen mit auf der Couch. Das Mikro war immer wieder übersteuert.

Jetzt diffuses Messerauschen = Meeresrauschen, nee, sorry.

Jetzt Durchsage: Irgendwer verspätet sich, „wir machen weiter wie gehabt: Abhängen und Biertrinken.“

Freund H. schickt mir einen Link: twitter.com/koelner_dom

Ich scrolle. Sehr beruhigend.

Das DingDong lässt mich auf die Uhr schauen. Viertelstunde vorbei.

Eine der Beobachterinnen holt jetzt zwei Bier. Ich beobachte jetzt die Beobachterinnen beim Bier trinken. Ist ja auch Buchmesse. Man guckt, was der andere macht. Im Moment (wenn man gerade seinen Moment hat) und übers ganze Jahr (so ist das gedacht für die Messe).

Jetzt kriege ich auch Bier.

Neue Ansage: die Person, auf die wir warten, ist um 17Uhr am Bahnhof angekommen, soll gleich da sein.

Neue Anweisung: Die Leute sollen Biertrinken und sich unterhalten. Aha. Jetzt ist Gespräch gewünscht, davor war noch „Abhängen“ okay.

Die chronologische Mitschrift hat sich schon lange überschlagen, weil ich doch angefangen habe Erinnerungen hinein zu ergänzen. Das ist doch alles nicht aufrechtzuerhalten.

Jetzt ist der Mensch da, auf den wir gewartet haben.  Er heißt René Walter und ist „abgehetzt und gerade aus dem Zug gefallen“.

„Jetzt ist er da!“

Müder Applaus.

Jetzt geht’s ums Internet.

Der Mensch auf der Bühne erklärt jetzt den Begriff Memetik. Voll gut. Rund 30 Menschen sitzen hier herum. Rund fünf Menschen folgen seinem Impulsreferat über das Internet. Jetzt sind’s sechs. „Zerstreute Aufmerksamkeit“ – Walter Benjamin hat dazu mal etwas geschrieben.

Ich recherchiere auf meinem Handy:

„Ein Mem … bezeichnet nach der Memtheorie einen einzelnen Bewusstseinsinhalt (zum Beispiel einen Gedanken), der durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt werden kann. Dies trägt zur soziokulturellen Evolution bei. Dieser Vorgang ist analog zur Theorie des Lamarckismus, der zufolge erworbene Eigenschaften an die Nachkommen weitergegeben werden können. Im Unterschied hierzu werden durch Gene körperliche Eigenschaften von Individuen durch Fortpflanzung bzw. Vererbung weitergeben. Dies trägt zur biologischen Evolution bei.“ (Wikipedia)

Das klingt doch ganz interessant. Muss ich mir bei Gelegenheit näher anschauen. Und ja klar, die Gelegenheit wird vielleicht auch nicht kommen.

Nach dem Stehgreifreferat kommen jetzt Fragen aus dem Publikum.

Einer fragt. René Walter reicht das Mikro von der Bühne.

Die Frage kommt.

Die Antwort wird nicht akustisch verstärkt

 

Tim Holland

Ex-Buchhändler, Ex-Leipziger-Schreibschüler, Falt-Plan-Lyriker, Gedichtband-des-Jahres-2016-Kanditat

Freitag, 21. Oktober 2016, 17:00 Uhr

Raum

  • Das Bier steht auf dem Tisch, zückt Bleistift aus der Hemdtasche
  • Geldbeutel und Handy liegen neben der Bierflasche
  • Ein Blatt Papier, Ansatz es zu falten, dann doch nicht
  • Um 17 Uhr beginnt das Panel: Die Memetik des Neuengeileninternet (René Walter, Nerdcore)
  • Es ist ruhiger, die Blogbuster von eben verschwunden, geblieben: die Redenden, Trinkenden. Das nächste Panel verspätet sich. Aufbruchsstimmung?
  • Bierflasche und Telefon werden immer wieder bewegt, von rechts nach links, bis das Handy doch verschwindet. Lenkt es zu sehr ab, verhindert das Ankommen, das Schreiben?
  • der gestikulierende I. sitzt in meinem Blickfeld: die Kollegen sprechen über Lesungen, Moderation, Preisverleihungen, während T. nach einem Windbeutel auf dem Weinkistenregal greift

Rhythmus

  • Der letzte Schreibende, seiner Rolle bewusst, beginnt zügig nach vorbereitendem Windbeutelverzehr
  • Wird dies mehr Spiel als Arbeit sein?
  • Aus der Hemdtasche ragt die Camelschachtel
  • Er unterbricht das Schreiben immer wieder, checkt er gerade seine Emails am Handy oder doch Facebook?
  • Er scheint etwas von seinem Handy abzutippen oder bekommt er eine Nachricht?
  • ok, er tippt doch etwas vom Handy ab
  • Er wird von I. wird angesprochen: was machst du? Ich schreibe, blogge live. I. setzt sich in meine Sitzfeld und wird beauftragt mehr Bier zu holen
  • Immer wieder die Frage: Wer beobachtet wen, wie lässt sich diese Gleichzeitigkeit erfassen? Es ist in jedem Fall eine gleichzeitige Sache, stimmt die 2.Ordnung noch?

Körperlichkeit

  • Ausgelassen, ankommend, erwartungsvoll, leichtes Lächeln auf den Lippen
  • Die Hände verschwinden hinter dem Laptop-Bildschirm
  • Er trägt ein Namensschild
  • Ab und zu winkt er einem Bekannten, sichtlich amüsiert
  • Nimmt die Brille ab, reibt sich die Augen, im Hintergrund 20er Jahre Musik, der Redende am Mikro, maximale Geräuschkulisse, greift zum Bier und doch keine Ohrstöpsel, 17:46: die Bierflasche ist leer, die Schüssel mit den Windbeuteln wandert endgültig auf den Tisch, er sucht nach etwas im Regal, lehnt sich zurück, tippt weiter

Material

Laptop, Handy, leeres Blatt Papier, Bierflasche, Bleistift