Schreibszene Live: Dorothea Studthoff

Sara Heristichi Frankfurter Buchmesse

Das eigene kleine Heim verlassen, auf Podesten wie freundlich guckend wie eine Wohnzimmerlampe in Gänseform, nebenbei neulich mit Autorin über Schwanattacken unterhalten, sie lächelte so freundlich wie glasig über meinen geäußerten, langgehegten Wunsch , einmal eine Gans im Leben zu haben

 

,egal, wo war ich, bin auf jeden Fall nicht mehr in  den von viel Weihe und Historie durchzogenen Hallen, in denen die Schöpfe grau, die Bücher fadengeheftet und der Ton gemäßigt ist und sitze an einem Ort der…. Neuaufbrüche klingt irgendwie Scheiße, anders, jünger, quirlig ist auch ein verdammt blödes Wort, aber der Ton ist wilder, die Kapuzensweatshirts sind zahlreicher und energischer wirkt es auch, wenn man sich am Ort der digitalen… jetzt bin ich schon wieder bei Aufbruchstimmung, das ist doch doof, auf jeden Fall riecht es nach Jugend und Aufregung und ich fühle mich alt (das tue ich immer, außer, es geht zu Opa in die Seniorenresidenz) und ich frage mich, ob ich gerne eine der ihren wäre, und ob ich dahin zurück will, aber ich bin viel zu faul und schätze die Bequemlichkeit des Alters, das Versprechen der Gediegenheit. Da, wo ich die letzten Tage stand, die nächsten Tage stehen werde, sind die jungen Stimmen schüchtern „Haben Sie vielleicht Leseexemplare für Auszubildende?“ und die bereitgelegten Manuskripte, die zahllose Unerkannte problemlos aus der Tasche ziehen und einem Lektor pitchen könnte, aber Lektor*innen sind nie da und wenn sie da sind, im Gespräch und neben mir kommt gerade etwas aus den Boxen, das ich eigentlich sehr interessant finde und das lenkt hab. Ich habe schon diversen Leuten extrem langweilige Reden geschwungen, darüber, dass die BVG-Kampagne bestimmt nicht perfekt ist und manchmal unschöne Fehler macht, aber, dass sie extrem clever sei, und funktioniert ja auch.

Dieser Stream-of-conscienceness (falsch geschrieben? falsch geschrieben)  ist auf die Dauer wirklich langweilig und der einfache Weg nach draußen, hinaus aus dieser Stunde, die ich hier sitzen werde.

Auf dem Podium reden Sie über Humor, Humor und Polizei und die Zahnschmerzen aus den untersten Winkel der Hölle, die sich etablieren im Schädel, der auf der Buchmesse zu einer Trägermasse für eine Lächelmasse fungiert. Die Köpfe des Publikums hängen in den Schößen ihrer Smartphones, diesen Heilsbringern der neuen Zeit und ich meine das nicht einmal zynisch. Wie viele Umherirrende, wie viele geplatzte Termine und Verabredungen mehr gab es in der Zeit ohne? Wie viele Tränen mehr, weil die Durchhalteparolen  nicht einfach am Smartphone in der Tasche aufploppen, sondern vielleicht erst abends, am Hoteltelephon nachgereicht, wenn man eh schon im Bett liegt, im Hotelzimmer, die mitunter eine zauberhafte Zwischenwelt der sterilen Bequemlichkeit sein können. Können. Und oft auch sind. Manchmal halt nicht.

So verstörend, sich umzusehen, wenn man weiß, wie es endet. Sobald die Schlussglocke klingt, wird einem der Fußboden den Füßen entrissen, derselbe Fußboden, der jetzt von vornehmlich Turnschuhen getreten wird, hier, an diesem Ort. Ich bin im 2.. Jahr Messejahr, zwei Frankfurter Monde scheinen über meiner Verlagstätigkeit und tauchen meine Erinnerungen in weicheres Licht, als das die Standlichter tun. Wie wenig sich das alles von einem Parkhaus unterscheidet, wird klar bei einem Blick zur Decke, irgendwo auf halber Höhe hört die funky Bücherwelt auf. Zumindest bei den kleineren Verlagen rundum, und wahrscheinlich sollte ich viel öfter stehenbleiben und Bücher in die Hand nehmen, stattdessen gehe ich jedes Jahr zu den gleichen, aber einer davon ist doppelt so groß geworden im Gegensatz zum letzten Jahr.

Achach, ein All-Male-Panel auf dem Orbanism-Space. Als mir das auffällt, muss ich seufzen und ich hefte meinen Blick an den schrillen Verlag gegenüber, der irgendwas mit Politik und Verschwörungstheorien macht. Glaube ich. Daneben würde die Bude der Paperblanks-Notizbücher im Winde schaukeln, wenn hier drin ein starker Wind wehte, aber hier ist die Luft zwar erstaunlich gut, aber still. ich wünschte trotzdem, dass ein böser Wolf um die Ecke käme und die Paperblanks wegpustetete, das liegt aber nur daran, dass ich sie persönlich nicht wirklich leiden mag. Aber der Wolf könnte sich zuerst ein paar andere Verlagsstände vornehmen.  ich habe gerade nicht den Kopp dazu, die aufzuschreiben. Der Blick einer junger Frau mit feurig rot gefärbten Haaren treibt auch leicht träge über die gebeugten Köpfe ihrer Umsitzenden und ich kann verstehen, warum, das Panel wird langsam lang. Sie reden über Tweets. Tweets sind kürzer. Kürzer ist gut. Aber es sammeln sich noch einige Menschen und das Arrangement aus Sitzenden auf weißen Würfeln und den Stehenden drumherum gruppiert sieht ein wenig aus wie ein gedeckter Apfelkuchen, oder Pie,, alles ein wenig rund, mit eingesunkener Mitte und starr aufragendem, knusprigem Rand. Ich glaube, ich habe auch einfach Hunger. Die Brötchen sind ausgegangen. Mein eigenes Brötchen wird jeden Messetag immer weicher. Eingeklemmt zwischen Bestsellern im Rücken und Hoffnungsfrohen vor einem. (Leicht dramatisierte Darstellung)

Die Würde bewahren und oder die Euphorie und beides ist den Menschen wichtig und man sieht an ihren Schritten, was von beidem ihnen wichtiger ist und ich habe die ganze Zeit noch nie gehört, dass jemand genervt geschnauft hat bei Stauungen in schmalen Gängen

  • gerade wurde entschuldigend darauf hingewiesen, dass es ein all-male-Panel ist, immerhin –

die gar nicht mal so schmal sind.

Viele meiner Beobachtungen sind es nicht wert, aufgeschrieben zu werden, sie lassen sich zusammenfassen unter: viele Klischees haben ihren Wurzelgrund in Tatsachen. Ist das ein problematischer Satz? Vermutlich. Ich habe sehr schlecht geschlafen, wie wahrscheinlich fast alle auf der Messe. Am Morgen zeigen sich die wahren Make-Up-Künstler*innen.

Ich wunderte mich schon öfter über den jungen Mann, der ein Bild von Clemens Setz um den Hals hängen hat, bis ich feststellte, dass der junge Mann auf dem Bild um seinen Hals gar nicht Clemens Setz ist, sondern der junge Mann selbst. Wahrscheinlich habe ich ihm einfach nicht ins Gesicht geguckt. Es sind sehr viele Menschen auf der Messe und am Wochenende werden es noch mehr. Ich bin bereit. Hoffe ich.

 

Dorothea Studthoff

Verlagsmitarbeiterin, Buchbloggerin, Twitter Pseudonym-Personality, Sarkasmus-Expertin

Freitag, 21. Oktober 2016, 15:00 Uhr

Raum

  • Auf der Orbanism-Bühne beginnt eine Diskussionsrunde zu Humor, mit dabei u.a. das Realsatire-Portal und das Polizeipräsidium
  • Sie benutzt den von uns zur Verfügung gestellten Laptop, keine anderen Utensilien, kein Getränk
  • Das orangefarbene Stuhlkissen rutscht zur Seite weg

Rhythmus

  • Sie schiebt die Tasche näher an den Stuhl, wahrscheinlich um sie von der Menge zu schützen, die am Gang vorbeizieht
  • Nach einer halben Stunde schreibt sie langsamer, lässt den Blick länger schweifen
  • Sie wippt beim Tippen leicht mit dem Kopf hin und her, fast tänzelnd
  • Ist dies Arbeit oder Spiel und worin liegt der Unterschied?

Körperlichkeit

  • Verletzter Daumen. Sie wollte mit der Hand schreiben, aber tippen ist einfacher
  • Sie beobachtet sehr konzentriert das Geschehen, den Kopf immer nach rechts gedreht, als würde sie die Menge nach Informationen scannen
  • Sie lässt sich kaum aus der Ruhe bringen. Mir fällt nur ein: Dedication. Hingabe.

Material

  • Laptop, Marke Fujitsu: Ernst, konzentriert und weit über den Laptop gebeugt, beherrscht sie ihn souverän. Die schnelle Aneignung?