Schreibszene Live: David C. Assmann

Laura McAleese Frankfurter Buchmesse

Unter Zeitdruck: Kleine Poetik des Buchmessen-Newsletters

Liest eigentlich noch jemand Newsletter? Angesichts von Facebook, Twitter, Instagram, Blogs und all den anderen Zeitdruck- und Aufmerksamkeitsgeneratoren haben sich diese „Rundbrief[e] mit Neuigkeiten und Neuheiten durch Eintrag in eine Mailliste“, wie das Lexikon der Informatik informiert, doch eigentlich erledigt. Und doch gibt es sie noch, zumindest in meinem E-Mail-Postfach und selbstredend auch und gerade – so meine Ausgangsbeobachtung – zur Buchmesse, ja mehr noch: Die Buchmesse ist für mich vor allem ein über Newsletter generiertes Phänomen, das sich in seiner zeitlichen Koinzidenz mit dem Nahen der wirklich realen Buchmesse selbst erzeugt. Dabei fungiert die Buchmesse mehr oder weniger als Ankerpunkt und Legitimation der Absendung des Newsletters, soll wenigstens aber die Heterogenität der zum Verkauf angebotenen literarischen Neuigkeiten bündeln. Das gerät mal mehr, mal weniger bunt, ist zumeist in Text-Bild-Kombinationen gehalten, manchmal mit Youtube-Filmchen versehen und in seiner internen Struktur immer als Liste organisiert.

 

Lässt sich die Buchmesse in diesem Sinne schlichtweg nur als Form ihrer Inszenierung verstehen, kommen Fragen nach den je konkreten Darstellungen von und Kopplungen zwischen Buchmesse und Newsletter in den Blick. Fünf Modelle lassen sich ad hoc unterscheiden:

 

Modell „Vorfreude“ (Klett-Cotta/Tropen)

Bei Klett-Cotta etwa stehen über die Zeitdimension strukturierte Emotionen im Zentrum: Denn „jedes Jahr im Oktober beginnt bei uns hier im Verlag die Vorfreude auf die Frankfurter Buchmesse“, die sich dann bei „nur noch zwei Tage[n] bis zum größten Branchenereignis des Jahres“ dem Höhepunkt zuneigt. Bei so viel Freude dürfen natürlich die „sehr geehrten“ Käuferinnen und Käufer nicht außen vor bleiben: Knut Amos als personalisierte Absenderin des Rundbriefs freut sich „auf Sie und dich!“ Und folgerichtig setzt der Newsletter denn auch auf das persönliche Treffen „mit unseren Autorinnen und Autoren“, deren Buchmessen-Veranstaltungen aufgelistet werden. Entsprechend motiviert Klett-Cotta seinen Newsletter auch durch die Buchmesse, wie sich seinem Titel entnehmen lässt.

 

Modell „Informieren“ (Suhrkamp)

Suhrkamp hingegen kennt mich persönlich („Lieber Herr Assmann“) und verweist ebenso wie Klett-Cotta auf „unsere Autorinnen und Autoren am Messestand“. Gleichzeitig wird aber ausführlich auf allerhand Neuerscheinungen hingewiesen, von denen in der Betreffzeile („Frankfurter Buchmesse“) gar nicht die Rede gewesen ist. Die Buchmesse selbst erarbeitet man sich bei Suhrkamp anders als bei Klett-Cotta weniger über gesteigerte Emotionen und Vorfreude, als vielmehr über „informieren“, „nachschauen“ und „Übersicht[en]“ – das sind die Tools, mit denen Leserinnen und Leser durch den Rundbrief steigen sollen.

 

Modell „Durchstöbern“ (Reclam)

Wer Bücher und ihr Drumherum lieber „durchstöber[t]“, ist beim Reclam-Verlag richtig, der die Buchmesse indes als ein literarisch-betriebliches Ereignis neben anderen versteht: Bob Dylan und sein Nobelpreis ist mindestens genauso wichtig und in der Betreffzeile angegeben wie das Frankfurter Brancheneregnis. Auch bei Reclam uns seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist selbstredend die Freude über den Buchkonsum groß, wobei Emotionalität per Imperativ verordnet wird: „Freuen Sie sich auf diese Bücher!“ Die Buchmesse scheint dabei indes nur ein willkommener Anlass zu sein, um jene Bücher zu präsentieren, „die wir Ihnen ans Herz legen wollen.“

 

Modell „Branche“ (Buchreport)

Die Buchmesse als eine Nachricht unter anderen findet sich auch im Newsletter des Buchreports, wobei hier das Newsgenerieren selbstredend im Vordergrund steht, ja stehen muss und in diesem Sinne Ansagen gemacht werden: „10 große Themen“ bestimmen demnach die Buchmesse, die als ein Ort von „zahlreiche[n] Gespräche[n] und Geschäfte[n]“ inszeniert wird. Es geht um Information und Ordnung; und als Service zählt der Report die Rezensionsschwerpunkte zur Buchmesse aus („Hanser, Suhrkamp und Fischer dominieren die Feuilletons“).

 

Modell „Meta-Newsletter“ (Perlentaucher)

Als eine Art Meta-Newsletter zur Buchmesse ist schließlich der Perlentaucher zu verstehen, der die Buchmesse denn auch nicht nur als eine Nachricht unter anderen versteht, sondern die massenmediale Berichterstattung und ihre Newsletter über die Buchmesse zusammenfasst: „Buchmessen-Eröffnung: ,Hinter Steinen, Beton und Stacheldraht‘ ruft Erdogan“).

 

Wie gefährlich sind nun also diese Buchmessen-Newsletter? Halten sie etwa vom Lesen ab? Das Lexikon der Informatik warnt zumindest 2011 noch vor einem allzu übermütigem Gebrauch. „Achtung“ heißt es dort: „mit dem Eintrag in eine solche Liste kommt viel elektronische Post auf Sie zu; sich wieder auszutragen, ist oft nicht so einfach!“ Soviel Zeitdruck muss schon sein.

David-Christopher Assmann

Literaturwissenschaftler, Betriebsbeobachter, Szenen-Begriffsexperte, Systematisierungsfanatiker

Freitag, 21. Oktober 2016, 16:00 Uhr

Raum

  • Wieder viele, viele Leute ums uns herum. Diesmal die Vorstellung der Blogbuster Award-Jury. Viele Schaulustige, Schreibszene entdeckt Denis Scheck mit Tannenzäpfle. Die vier Herren und eine Frau der Jury prosten sich zu, während der Moderator sich vorstellt: „Ich bin Leander Wattig für Arme“
  • Verlagsvertreter: „Mein Terminkalender ist sehr voll“
  • Scheck: „To multiply the harbors does not reduce the sea“ – Hafen- und Meeresmetaphern für Literaturblogs, „bridsch the gäp” -> Denis im 21. Jahrhundert ist begeistert von Büchern und diesem Fortschritt. „Ezra Pound – Make it Nu.“
  • 16:25: laute Rockmusik. Rückkoppelung. DCA lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Scheck und Co. auch nicht. Profis.
  • Zuschauerkommentar: „Ich blogge seit 1989“ #oldskool.  Scheck lächelt erfreut.
  • Jmd mach Foto von Schecks und seinen orangenen Socken.
  • 16:50: Mann kommt, stellt seine Tasche auf den Sitzwürfel, David lächelt ihn neutral an. Viel lächeln in dieser Stunde. Ich kenne dich nicht, nehme dich aber freundlich wahr. Hallo Buchmesse.

Rhythmus

  • Kurzes Umschauen, was denn hier für Menschen um uns rumstehen.
  • Tippt gleich los; tippen, auf Notizen schauen (was steht denn da?!)
  • 16:13: zurücklehnen, tief durchatmen, Schluck Wasser, Beine nicht mehr verschränkt; linke Hand stützt Kopf, Nachdenken; weiter tippen.
  • 16:21 – reibt sich die Augen; studiert wieder diese Notizen. Extreme Neugierde der Beobachterin.
  • Sehr regelmäßiges Tippen, Notizen studieren, Nachdenken. Konzentriert. Hier entsteht Wissenschaft. Ab und zu ein Schluck Wasser.
  • 16:34 – blickt mich an, lächelt. Ich esse 1 Schinkenbrot
  • 16:53: David signalisiert seine letzte Schreibphase. Endet pünktlichst um 17 Uhr.

Körperlichkeit

Dunkelblauer Pullover, darunter grünes Hemd, helle Jeans und schwarze Lackschuhe. Schwarze Aktentasche. Smart und seriös.

  • Beine verschränkt
  • Leicht nach vorne gebeugt
  • Leicht gekräuselte Stirn
  • Nachdenklich, konzentriert

Material

  • 2 Bücher, zusammengeheftete A4-Seiten als Notizen -> als Vorbereitung?
  • Schreibt am Laptop
  • Selbst mitgebrachte Wasserflasche
  • nach dem Schreiben bedinet er sich an unserem Kilo Gummibärchen.